Bonsai fotografieren

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Tom Heyken
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Bonsai fotografieren

Beitrag von Tom Heyken »

"Dies ist kein Bonsai!"

Sich ein Bild vom Bonsai machen

von T. Heyken, Fotos: T. Heyken, M. Kros

Bonsai – ein Vergnügen, das dem Wandel verhaftet ist. Um die Entwicklung eines Baumes zu dokumentieren, ist das Foto sicher das wichtigste Hilfsmittel. Mit einfachen Mitteln ist es möglich, Abbildungen zu erzeugen, die die Qualität Ihrer Bäume spiegeln.
Die Bilder in diesem Artikel[b] (erschienen in Bonsai Art Nr. 63)wurden mit Hilfe einer relativ betagten Digitalkamera, der Sonne oder zweier Schreibtischlampen aufgenommen. Ziel ist es nicht, Profifotografie zu imitieren, sondern schnell an zufrieden stellende Ergebnisse zu gelangen.
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Normalerweise sollte man einen Bonsai nicht unbedingt vor den anderen Gartenpflanzen fotografieren. Hier bildet die grüne Kulisse einen reizvollen Gegensatz zu dem roten Ahorn
Normalerweise sollte man einen Bonsai nicht unbedingt vor den anderen Gartenpflanzen fotografieren. Hier bildet die grüne Kulisse einen reizvollen Gegensatz zu dem roten Ahorn
Fotokurs01.jpg (26.09 KiB) 26348 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 1

Beitrag von Ivo Drüge »

1.) Jetzt ist es so weit: Die Azalee blüht, der Ahorn ist perfekt, der Wacholder lässt die Augen vor Stolz schwellen. Alles passt: die Farben der Blüten, der Blätter, die Form der Krone, der Schale, des Stammes – wundervoll! Um diesen kostbaren Moment nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist der Griff zur Kamera vielleicht eines der ersten Dinge. Ein Foto und noch ein Foto, mal mit Blitz, mal ohne, diese schöne Blüte noch und den Stammansatz. Fertig! Ab zum Fotolabor oder zum Computer. Werden die Bilder dann gezeigt, ist die Enttäuschung bei solchen Reaktionen groß: Oh, hast du eine neue Mauer im Garten? – Geht der Baum oben noch weiter? – Gibt’s den auch in scharf ? – ...
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Der unruhige Hintergrund stört. 
<br />Zudem ist er nicht wirklich schön
Der unruhige Hintergrund stört.
Zudem ist er nicht wirklich schön
Fotokurs02.jpg (26.7 KiB) 26341 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 2

Beitrag von Ivo Drüge »

2.) Sicher ein übertriebenes Szenario, aber dennoch nicht so weit weg von der Realität, wie man glauben möchte. Denn, obwohl die Werbung dieses gerne glauben macht, eine Kamera egal welchen Typs, ob mit Film oder digital, sieht die Welt anders als wir Menschen. Wo wir die Fähigkeit haben, uns visuell zu konzentrieren, störende Dinge auszublenden, starke Kontraste ohne technische Hilfsmittel schnell auszugleichen, muß einer Kamera geholfen werden.
Sehen wir in der Realität einen schönen Baum in einer edlen Schale, von dem wir auch noch jede Kleinigkeit erkennen, sieht die Kamera im schlimmsten Fall eine schäbige Mauer mit einem unscharfen Baum davor, der auf der einen Seite zu hell und auf der anderen zu dunkel ist; die Schale ist auch kaum zu erkennen, weil die edle Glasur spiegelt. Und weil es doch relativ dunkel war, ist das alles auch noch ein bisschen verwackelt. Dieses als Zusammenfassung der häufigsten Fehler auf der technischen Seite, die allerdings auch am leichtesten auszumerzen sind.
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Alles auf diesem Bild arbeitet gegen den Baum. Die Kontraste sind zu stark, die Farben lenken ab und eine alte Fotoschale ist nicht der geeignete Standort zur Präsentation
Alles auf diesem Bild arbeitet gegen den Baum. Die Kontraste sind zu stark, die Farben lenken ab und eine alte Fotoschale ist nicht der geeignete Standort zur Präsentation
Fotokurs03.jpg (21.59 KiB) 26337 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 3

Beitrag von Ivo Drüge »

3.) Bevor die Technik ins Spiel kommt, sollte die Überlegung stehen, ob es dem Baum und einem selber gerecht wird, wenn die Präsentation nicht der Qualität der Pflanze entspricht. Schon eine große blaue oder graue Pappe ohne Flecken im Hintergrund kann dem Baum einen würdigen Rahmen geben. Noch besser ist es, wenn die Pappe (es kann auch fester Stoff sein), so großformatig ist, dass Ihr Bonsai darauf stehen und diese dann nach oben zu einer Hohlkehle geformt werden kann. Diese Konstruktion verleiht dem Bild einen gleichmäßigen Hintergrund und gibt ihm eine Dimension der Weite. So lässt sich auch ohne weitere Hilfsmittel, zumindest in den hellen Monaten, ein befriedigendes Bild erstellen.
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Gesamtaufbau im Garten mit Pappe
Gesamtaufbau im Garten mit Pappe
Fotokurs04.jpg (21.08 KiB) 26333 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 4

Beitrag von Ivo Drüge »

4.) Wenn es zur Hand ist, hilft hier ein Stativ ungemein. Ist der Baum auf dem Hintergrund platziert, kann man mit einem Stativ den Bildausschnitt genau festlegen, sich von der Kamera wegbewegen und noch Veränderungen am Bild vornehmen (störende Erde entfernen, etc.), oder auch sehr einfach mehrere Bäume hintereinander fotografieren. Das Stativ sollte ausreichend stabil sein (was in den meisten Fällen heißt, dass es ein ordentliches Gewicht aufweist), gut verstellbare Beine haben, und der Kopf, auf dem die Kamera letztendlich sitzt, sollte bequem verstellbar sein.
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Hilfe zur Fokussierung. Es geht auch mit anderen Zeitungen ...
Hilfe zur Fokussierung. Es geht auch mit anderen Zeitungen ...
Fotokurs05.jpg (29.68 KiB) 26330 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 5

Beitrag von Ivo Drüge »

5.) Ist noch kein Stativ vorhanden und Sie denken über den Kauf nach, sollten Sie am Besten mit der eigenen Kamera in ein Fachgeschäft gehen und schildern, für welchen Zweck Sie es benötigen. Können Sie das dann ausgesuchte Stativ auch etwas nervös und ungeübt im Laden aufbauen und an der Kamera befestigen, haben Sie keine schlechte Wahl getroffen. Übrigens, beim Fotografieren sollte immer eines der drei Beine direkt nach vorne weisen – das gibt mehr Stabilität und Sie fallen nicht so schnell drüber!
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Die Wirkung des Baumes erhöht sich beträchtlich
Die Wirkung des Baumes erhöht sich beträchtlich
Fotokurs06.jpg (36.12 KiB) 26327 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 6

Beitrag von Ivo Drüge »

6.) Aber nicht immer sind Sonne und Wind auf der Seite der Bonsaifotografie. Können Sie also nicht draußen fotografieren, müssen Sie in einen geschützten Raum ausweichen. Hohlkehle und Stativ aufbauen, den Baum platzieren – und trotzdem sieht alles trübe aus. Auch wenn man genug Sonne im Herzen hat, jetzt sollte eine Lichtquelle her. Natürlich fällt einem zuerst der Blitz ein. Aber will man immer mit den unschönen Schatten leben? Sieht man einen solchen Schatten in der Natur – direkt hinter den Blättern, die Form verfälschend? Eher nicht – also entweder dafür sorgen, dass genug Tageslicht vorhanden ist, oder dem Film oder der Digitalkamera vorgaukeln, dass Tageslicht da ist. Hier ist die Digitalkamera eindeutig im Vorteil. Relativ problemlos kann sie warmes Kunstlicht oder grünes Neonlicht in Tageslicht umrechnen, während für Film diverse Vorsatzfilter nötig sind, die nicht an jede Kamera montiert werden können. Zudem sind diese Filter nicht sehr billig. Genau so wie die erhältlichen Kunstlichtfilme. Auch hier lohnt es sich, im Fachgeschäft nachzufragen.
Die Beschreibung des folgenden Aufbaus ist also erst einmal für Digitalkameras gültig.
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Wacholder fotografiert mit 2 Lampen
Wacholder fotografiert mit 2 Lampen
Fotokurs08.jpg (28.66 KiB) 26323 mal betrachtet
Schematischer Aufbau mit 2 Schreibtischlampen
Schematischer Aufbau mit 2 Schreibtischlampen
Fotokurs07.jpg (22.73 KiB) 26324 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 7

Beitrag von Ivo Drüge »

7.) Benötigt werden:
• 1 schöner Bonsai
• 1 Kamera
• 1 Stativ
• 1 große Pappe oder 1 Stück Stoff
• 1–2 Lampen gleicher Stärke und Bauart (Schreibtischlampen, Halogengartenscheinwerfer, ...)
• mehrere kleine weiße Pappen oder Styroporplatten
• 1 große Tageszeitung
• 1 bisschen Zeit
Die Skizze in der mittleren Spalte gibt einen groben Überblick über den Gesamtaufbau. Die Lampe 1 sollte den Baum schräg von vorne oben beleuchten und zwar so, dass der Baum keine harten Schatten auf sich selber wirft. Die 2. Lampe sollte ungefähr doppelt soweit entfernt stehen wie die Lampe 1 und dient nur dazu, die dunklere Seite etwas aufzuhellen. Sollte keine 2. Lampe vorhanden sein, kann man auch mit den Styroporplatten oder weißen Pappen (evtl. sogar mit Alufolie) die Schatten aufhellen. Hierfür die Pappen so befestigen, dass sie das Licht der Lampe 1 auf die dunkleren Partien des Baumes reflektieren. Dann mit der Kamera wie in der Bedienungsanleitung beschrieben einen Weißabgleich machen – und los geht’s.
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Schematischer Aufbau mit 1 Lampe und 1 Pappe
Schematischer Aufbau mit 1 Lampe und 1 Pappe
Fotokurs09.jpg (24.07 KiB) 26319 mal betrachtet
Wacholder fotografiert mit 1 Schreibtischlampe und 1 Pappe
Wacholder fotografiert mit 1 Schreibtischlampe und 1 Pappe
Fotokurs10.jpg (37.96 KiB) 26319 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 8

Beitrag von Ivo Drüge »

8.) Die Zeitung ist nicht dazu da, um Sie bei langen Belichtungszeiten bei Laune zu halten, sondern soll für ein scharfes Bild und eine möglichst ausgewogene Belichtung des Bildes sorgen. Einige Digitalkameras haben ein leichtes Autofokusproblem bei unregelmäßigen Strukturen. Befestigt man die Zeitung plan auf einer Pappe und hält sie zur Belichtungsmessung und Fokussierung vor den Baum, tun sich manche Kameras etwas leichter. (Aber nicht vergessen, die Zeitung vor der Belichtung wegzunehmen.)
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Gesamter Aufbau mit 1 Lampe und 1 Pappe
Gesamter Aufbau mit 1 Lampe und 1 Pappe
Fotokurs12.jpg (21.81 KiB) 26316 mal betrachtet
Ivo Drüge
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Step 9

Beitrag von Ivo Drüge »

9.) Soweit zur Technik. Nicht umsonst heißt dieser Artikel: "Dies ist kein Bonsai!". Es geht um ein Bild (auch im übertragenen Sinn) einer Pflanze, einer Geisteshaltung, eines Kunstwerkes. Abbildungen werden geschaffen, weil sie leichter zu verbreiten sind als die Originale. Was kein Grund sein sollte, das Original schlecht aussehen zu lassen. Bonsai werden gewöhnlich als Objekt im Raum präsentiert. Sie haben Platz um sich herum, ähnlich dem freistehenden Baum in der Natur. Dieser Aspekt sollte bei einem Foto, wenn keine schwerwiegenden Gründe dagegen sprechen, nicht vernachlässigt werden. Das Ziel muss nicht sein, eine japanische Präsentation nachzuahmen, aber abgeschnittene oder eingeengte Bäume (rechts, links, oben oder unten) sehen nicht nur gruselig aus. (Genauso hat die eingeblendete Datumsangabe an unpassender Stelle nichts in einem solchen Bild zu suchen. Ein gutes Bild ist die Mühe wert, alle Angaben auf einem kleinen Photoetikett auf der Rückseite zu machen.) Solche Bilder werden auch der Arbeit, den Gedanken und der Mühe, die mit dieser Beschäftigung verbunden sind, nicht gerecht. Und da Sie die Person sind, die dieses auf sich nimmt, sollten Sie sich auf dieser Ebene nicht um die Früchte Ihrer Arbeit bringen.
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Der Wacholder noch einmal mit 1 Lampe und 1 Pappe und mit zusätzlichem, aufhellendem Licht von der Deckenlampe. Durch die unterschiedlichen Lichtquellen sind die Farbverschiebungen schon ziemlich auffällig
Der Wacholder noch einmal mit 1 Lampe und 1 Pappe und mit zusätzlichem, aufhellendem Licht von der Deckenlampe. Durch die unterschiedlichen Lichtquellen sind die Farbverschiebungen schon ziemlich auffällig
Fotokurs13.jpg (29.86 KiB) 26313 mal betrachtet
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